you are here: Archive Interviews Orkus

Orkus Interview 2007


Für eine Band mit solch einem musikalischen Hintergrund mutet es doch bestimmt seltsam an, mit „Airplanes“ ein Debut zu veröffentlichen. Wie fühlt es sich an, dieses „von Null beginnen“?

Es ist jedes Mal schön mit ein neues Album an den Start zu gehen wo man alle Erfahrungen in einer anderen Form unterbringen kann. Veröffentlicht man unter einer unseren früheren Bands und Projekten ein Album ist die Erwartungshaltung der Fans und auch der Presse immer ein wenig vorbelastet. Mann fängt wieder mit ein neues Werk an und wird auch so gesehen.



Mit einer Erfahrung und einem Status, wie ihr aufweist, kommt ihr bestimmt nicht drum herum, stets über eure Vergangenheit ausgefragt zu werden und mit eurer Vergangenheit verglichen zu werden. Nehmt ihr diesen Umstand gelassen hin?

Keine Zukunft, ohne eine Vergangenheit. Kein Neubeginn ohne Kreativität und Erfahrung aus den bereits geschehene Produktionen. Wir sind besonders glücklich mit dem was wir hatten, aber natürlich auch mit dem was wir hier geschaffen haben.



Ist es als Musiker mit einem neuen Album in der Hand nicht unglaublich frustrierend, ständig über Vergangenes gefragt zu werden?

Nein, im Gegenteil, es ist auch ein Teil von dir und deine persönliche Entwickelung. Du nimmst die ganze Entwickelung mit um es vielleicht alles anders einzufärben. Ich freue mich, wenn man sich an uns erinnert.



Und hier kommt sie, die Vergangenheit: Was ist es, dass euch nach all der Zeit, nach weit über 20 Jahren, weitermusizieren lässt? Woher nehmt ihr die Kraft, Songs zu schreiben? Was ist euer Motor?

Der Motor ist die niemals endende Kreativität der Einzelnen. Wir haben uns gefunden, irgendwo auf diesem Weg. Alles scheint auf einmal zu klappen. Die Plattenfirma, der Verlag, die Touragentur, die Promofirma und natürlich auch die Band. Alle arbeiten Hand in Hand. Es ist als ob diese Cd auf einmal alle Hürden durchbricht, wo wir sonst immer gegen gelaufen sind. Wir hatten die Musik, unsere Vision und durch den Anderen wurden unsere Wege geöffnet. Alles das, was in Leidenschaft gemacht würde, scheint auf einmal loszugehen.
Und auch daher nehmen wir unsere Kraft, das ist der Motor.

TOP

Wie hat sich die Zeit beim Komponieren und im Studio angefühlt?

Sehr intensiv. Wir hatten so viele Songs das wir auswählen mussten welche letztendlich auf das Album kommen sollten. Im Gegensatz zu den Bands wo ich vorhin war, hatten wir mehr Songs. Ich war immer wieder beeindruckt über die Gitarrenwände wenn ich singen sollte. Ich bekam Gänzehaut und wusste einfach das dies die Musik ist die ich machen wollte.



Wie habt ihr die Zeit seit dem letzten 12DD Album 1995 verbracht?

Alle haben in verschiedene Bands und an unterschiedliche Projekte gearbeitet. Ralf war bei Sun, Peter und ich haben angefangen einfache Songs zu schreiben in 2001, später habe wir Ralf gefragt uns zu helfen. Peter und ich finden den Sound den Ralf macht einfach fantastisch.
Ich habe an meinem White Rose Transmission Projekt gearbeitet mit Adrian Borland und Mark Burgess und später noch mit Marty Willson Piper von The Church einige Songs aufgenommen. Weiterhin habe ich noch 2 Alben mit The Convent gemacht. Als von einer Pause war nie die Rede.



Nach Twelve Drummers Drumming seid ihr nun also unter dem Banner Dead Guitars in den melancholischen Wave/Pop/Rock-Gefilden unterwegs. Woher rührt das Interesse an selbst verwendeten Instrumenten in den Projektnamen?

Es war ein Song den Adrian für die 700 miles of Desert von White Rose Transmission schrieb. Kurz nach seinem Freitod in 1999 fanden wir ein gefallen an den Namen, es war eine Ironie, ein Widerspruch. Adrian war immer ein wunderbarer Musiker und Gitarist gewesen. Wie viele vor Ihn hatten schon gerufen das die Gitarren tot sind? John Lennon, Jim Morrison, Jimmy Hendrix. Alles Künstler deren Musik nicht ohne den Gitarrensound leben konnte. Wir dachten, ok die Gitarren sind tot? hier kommen die Gitarren. Die Dead Guitars.



Metaphorisch gesprochen – und das mögen wir doch alle – gibt sich „Airplanes“ ausgiebigen Flügen durch samtene Pop-Wolken, melancholisch-düstere Regenwolken und der einen oder anderen rockigen Gewitterwolke hin. Wie haben Dead Guitars zu ihrer derzeitigen musikalischen Ausprägung gefunden?

Durch die unterschiedliche Prägungen unserer Vergangenheit. Ralf und Peter verstehen worüber ich singe. Sie verkörpern dieses in und mit ihrer Musik. Es kommt ganz einfach zusammen, wir können uns gegenseitig dermaßen begeistern, so als ob wir eine völlig neue Band sind und zum ersten Mal anfangen zu musizieren. Jedoch mit einem kleinen Unterschied: die Erfahrung. Es klinkt gleich frisch und neu, obgleich es nicht immer neu ist. Es entstehen unterschiedliche Färbungen und Prägungen, dadurch entsteht die Wechselwirkung der Emotionen in der Musik.

TOP

Inwiefern ist jene Gegenstand von Veränderung? Könnt ihr schon einschätzen, wie ihr euren Sound weiterentwickeln werdet?

Wir entwickeln immer wieder neue Sounds und Klänge. Ralf ist hier sehr wichtig und nicht wegzudenken. Während Peter und ich immer zurückschalten und die Songs einfach halten, basiert auf einer Akustikgitarre und meinem Gesang. Es liegen schon wieder die unterschiedlichsten Songs in unser kleines Kästchen. ;-)



Was fühlt ihr, wenn ihr die heutige Musiklandschaft unter die Lupe nehmt? Wo seht ihr die gravierendsten Mängel? Wo gibt es noch Hoffnung?

Ich glaube das es heute mehr als je zuvor „Hoffnung“ für uns gibt. In der Vergangenen 20 Jahren dürfte man die „80er“ nicht einmal mehr erwähnen. Heute gibt es so viele verschiedene Bands die die „80er“ Vorväter wieder nennen dürfen in ihren Interviews. Die Mängel sind eigentlich nicht neu. Es wird solange auf einer Trend rumgehämmert das sie letztendlich den Geschmack wieder verlieren wird. Zumindest befürchte ich das. Uns gab es bereits in den achtziger Jahre, uns gibt es immer noch, nur in einer anderen Form.



Eine „Indie Pop“-Band, wie man Dead Guitars grob umschreiben könnte, hat es trotz augenscheinlich der Popmusik entlehnten Zutaten reichlich schwer, in der heutigen Castingmentalität Fuß zu fassen. Wie seht ihr das? Wo seht ihr eure Chancen?

Wir haben wirklich großes Glück das es sich bei uns mehr um eine zeitlose Variante handelt.
Ich will nicht behaupten das wir neu im Trend sind, aber wir haben doch einen Einfluss gehabt in den vergangenen Jahren, wovon wir jetzt immer noch profitieren. Unsere Chancen sind jetzt besser als je zuvor um vielleicht nicht durchzubrechen, aber wieder eine Rolle zu bekommen mit schöne und ehrliche Musik.



Der Titeltrack beinhaltet die Zeile „every airplane must come down“, eine durchaus frei zu interpretierende Aussage. Was steht für euch dahinter?

Es war eine Aussage mit dem Inhalt das Alles irgendwann einmal auch wieder runterkommt was einst sich traute abzuheben. Ähnlich wie „what goes up, must come down“ Ich liebe es halt selbst solche Sätze zu kreieren. Ich war es satt den Bush seine Reden zu hören, wo er den Glauben an Gott dazu benutzt die Welt in den Abgrund zu helfen. Ich habe in den Song mehrere Textfragmente eingebaut die sich bezogen auf mein Leben. Der Tod, der Abschied und die Tatsache das alles eine Entscheidung ist die du selbst nehmen kannst.

TOP

„This Was A Year“, „Sweet Revenge“ oder „Should I“ erscheinen zumindest vordergründig sehr persönlich und mit Dingen verknüpft, deren Ursprung in der Vergangenheit liegt. Ist dem so?

Mein Leben stand auf dem Kopf, ich hatte so viele Freunde verloren, abschied von ein vorheriges Leben, der Neuanfang in einer anderen Form. Ich zog alleine zurück in den Niederlanden, nachdem ich fast 20 Jahre in Deutschland gewohnt hatte und viele andere Veränderungen die oftmals auch mit Abschied zu tun hatten, waren die Nährung für diese Songs. Sweet revenge handelt von mir selbst, schauend in einem Spiegel und über die Tatsache das ich mir selbst fremd war. Ich hatte die Hoffnung in mich selbst irgendwie kurz verloren.



Inwiefern ist Komponieren für euch stets Abschließen mit oder Verarbeiten der Vergangenheit? Könnt ihr den Finger darauf legen, bei was genau sie hilft? Würdet ihr für Dead Guitars unterschreiben, dass ausgeprägter Melancholie oder Nachdenklichkeit häufig auch ein Hauch Zynismus oder Ironie innewohnt? Lässt sich das auf eure Texte beziehen?

Es war für mich als Texter immer eine Vergangenheitsbewältigung zu schreiben. Irgendwie mache ich immer einen Abschnitt, schaue zurück über die Schulter und mache eine Zusammenfassung, eine Bilanz. Diese findet sich wieder in den Songs. Peter und Ralf scheinen dieses absolut zu begreifen, ansonsten wäre die Musik nicht so unterstützend. Es ist vielleicht mein Gefühlsexibitionismus um dieses öffentlich auszutragen. Vielleicht ist es aber auch einfach, wenn ich den Finger auf die Wunde legen kann um zu verstehen warum alles einmal so gelaufen ist. Ausgesprochen heißt oft verarbeitet.



Dass ihr das Album „Airplanes“ getauft hat, mutet ein wenig unterverständlich an, da man den Titeltrack somit automatisch hervor stellt. Wolltet ihr dies erreichen? Seht ihr ihn als repräsentativ?

Ja, absolut! Airplanes ist ein schönes Bild, ein Bild von fliegen, von Mut, Stärke, Unbefangenheit und vertrauen für mich. Airplanes is ein atmosphärisches Album es schwebt über den die dunklen Wolken seiner selbst. Sie will höher und frei sein von Zeit und Raum. Frei von schweren Gedanken die Sonne und das Licht entgegen. Es ist ein Album das aus dieser Kraft entstanden ist. Deshalb Airplanes.



Häufig wird auf ähnlich geartete Bands der Terminus „Post-Rock“ angewendet. Was haltet ihr von dieser Bezeichnung? Wäre sie in irgendeiner Form legitim für Dead Guitars?

Jedes Kind braucht einen Namen, aber Post Punk waren die wegebbende Wellen der Punk Musik. Ich bin mit diese Musik aufgewachsen, habe Teile davon zu meinen eigenen gemacht, sie verarbeitet und gefiltert. Daraus entstand letztendlich die New Wave auch bei die meisten Bands damals. Gitarren Wave, Post Punk, New Romantic und vieles mehr. Die neunziger kamen wieder mit Grunge, Rock und was es sonst so alles gibt. Wenn man uns den Stempel geben möchte das unsere Musik in diese Schublade passt, warum auch nicht…sind wir Post-Rock ;-) Die Gitarren sind tot, es lebe die Gitarren, es lebe der Post-Rock! ;-)

TOP